Nachgefragt: Drei Jahre Engagement und Integration

Zhanna Andriichenko über ihre Arbeit an der DHBW Karlsruhe, ihre Pläne für die Lehre und ihre Verbundenheit mit der Ukraine

Vor gut dreieinhalb Jahren floh Dr. Zhanna Andriichenko gemeinsam mit ihrer Mutter aus Charkiv nach Ettlingen. Zuvor war sie als Professorin an der Simen-Kuznets-Universität für Wirtschaftswissenschaften Charkiv tätig und lehrte dort zu Themen aus den Bereichen Banking, Financial Services, Betriebswirtschaftslehre und Recht.

Über eine Initiative der Flüchtlingshilfe entstand der Kontakt zur DHBW Karlsruhe, die ihr zunächst kurzfristige Lehraufträge und schließlich eine befristete Anstellung ermöglichte. Seitdem engagiert sie sich in unterschiedlichen Bereichen der Hochschule, insbesondere in der Koordination internationaler Studierender im Rahmen des Erasmus+-Programms. Mit großem persönlichem Einsatz arbeitet sie parallel daran, ihre sprachlichen und fachlichen Voraussetzungen weiter auszubauen, um künftig auch wieder Lehrveranstaltungen übernehmen zu können. Im aktuellen Interview berichtet Andriichenko über ihre Erfahrungen der vergangenen Jahre, ihre Perspektiven an der DHBW Karlsruhe und ihre Verbundenheit mit ihrer Heimatstadt Charkiv.

Frau Andriichenko, seit Ihrem ersten Interview im Jahr 2023 ist einige Zeit vergangen. Wie haben Sie Ihre berufliche Rolle an der DHBW Karlsruhe seither erlebt und weiterentwickelt?
Mir hat das Unterrichten an der DHBW sehr gefallen, ich fühlte mich im Team gut aufgenommen. Leider war mein erster Lehrauftrag zeitlich befristet. Für eine feste Lehrtätigkeit ist u. a. ein C1-Niveau in Deutsch erforderlich, das ich damals noch nicht hatte – nur B1. Nach Vertragsende habe ich intensiv an meinem Deutsch gearbeitet und mittlerweile B2 erreicht. Parallel dazu konnte ich weiterhin Lehraufträge übernehmen. Inzwischen arbeite ich im International Office und bleibe so Teil der Hochschule, während ich weiter auf mein Ziel – das C1-Zertifikat – hinarbeite.

Was machen Sie genau als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im International Office? Wie gefällt Ihnen diese Aufgabe? Gibt es besondere Herausforderungen?
Ich koordiniere Incoming-Studierende im Rahmen von Erasmus+ und auch aus Nicht-EU-Ländern. Ich kümmere mich um Dokumente, Lernpläne, Kommunikation mit Dozierenden und die Organisation der Summer School. Auch bei anderen internationalen Aktivitäten bin ich aktiv dabei. Ich schätze das Team und die Möglichkeit, weiterhin mit der DHBW verbunden zu sein. Die Umstellung vom Unterrichten zur Verwaltungsarbeit war eine Herausforderung – viele Prozesse, viel Kommunikation. Aber ich lerne viel Neues und wachse daran.

Ihre ursprüngliche Tätigkeit war stark von der Lehre geprägt. Fehlt Ihnen diese Rolle aktuell, und welche Pläne verfolgen Sie in Bezug auf zukünftige Lehrtätigkeiten?
Mein Herz schlägt für die Lehre – dort kann ich mein Potenzial als promovierte Wissenschaftlerin am besten einbringen. Ich möchte wieder unterrichten, sobald ich die formalen Anforderungen erfülle. Bis dahin arbeite ich weiter an meiner sprachlichen und fachlichen Qualifikation, auch durch praktische Erfahrungen.

Wie hat sich Ihre persönliche Situation seit Ihrer Ankunft in Deutschland verändert? Fühlen Sie sich inzwischen angekommen – beruflich wie privat?
Ich habe inzwischen ein echtes Gefühl der Integration entwickelt. Ich kann jetzt viel besser verstehen, wie die Gesellschaft hier funktioniert. Besonders spannend ist, dass ich die Prozesse, die ich früher im Rahmen meines Kurses „Interkulturelle Kompetenz“ selbst gelehrt habe, nun praktisch erlebe. Dort wird erklärt, dass die Integration in eine neue Gesellschaft etwa drei Jahre dauert. Mittlerweile sind 3,5 Jahre vergangen, und ich fühle mich in weiten Teilen in die deutsche Gesellschaft eingebunden.
Natürlich bin ich noch nicht zu 100 % integriert, aber es ist schon viel leichter geworden – im Alltag, in der Arbeit, bei der Kommunikation. Früher lösten amtliche Briefe bei mir fast Panik aus: „Oh nein, jetzt wird’s teuer oder es gibt Ärger!“ – denn alle erzählen, wie streng Deutschland ist. Heute sehe ich solche Briefe viel gelassener, ich verstehe die Abläufe und weiß: Wenn man sich an die Regeln hält, ist nichts zu befürchten. Das erleichtert das Leben ungemein.

Charkiw und die Ukraine sind weiterhin stark vom Krieg betroffen. Wie erleben Sie die Situation aus der Ferne – und wie bleiben Sie in Kontakt mit Ihrer Heimat?
Die Lage in Charkiw ist tragisch – täglich finden Drohnenangriffe statt, es gibt Opfer und Zerstörungen. Ich beginne jeden Tag mit Nachrichten und der Sorge um Freunde und Bekannte in verschiedenen Stadtteilen. Wir sind ständig im Kontakt und tauschen uns über das Erlebte aus. Von hier aus versuche ich, so gut es geht, meine Heimat und meine ehemalige Universität zu unterstützen. Ich bin sehr dankbar, dass die DHBW Karlsruhe meine Initiative unterstützt hat und eine Partnerschaft, ein Erasmus-Abkommen mit meiner ukrainischen Universität - Simon-Kuznets-Universität für Wirtschaftswissenschaften Charkiw - abgeschlossen hat. Das ermöglicht es ukrainischen Studierenden und Lehrenden, hier zu lernen, Erfahrungen zu sammeln und zumindest vorübergehend dem Krieg zu entkommen. Beispielsweise jährlich kommen 2–3 ukrainische Studierende zur Summer School nach Karlsruhe. Seit drei Jahren kommen auch 2–3 Studierende im Rahmen des Erasmus-Programms an DHBW Karlsruhe. Dieses Jahr hat meine ehemalige Kollegin an der Staff Week teilgenommen.

Welche Wünsche und Ziele haben Sie für die kommenden Jahre – beruflich wie persönlich?
Planen ist schwierig, da mein Aufenthaltsstatus jährlich verlängert wird und von Entscheidungen der EU und Deutschlands abhängt. Dennoch arbeite ich weiter an meinem Deutsch und möchte die Sprache auf C1-Niveau bringen. Außerdem plane ich, Praxiserfahrung in einem deutschen Unternehmen zu sammeln, um meine Lehrtätigkeit praxisnäher zu gestalten. Wichtig ist mir auch, die Ukraine weiterhin zu unterstützen – beruflich und persönlich.

Text: AN, DI; Foto: DHBW KA//J. Habermehl